Die neue Renaissance

Wir sagten einst: Es war doch besser,
doch meinten wohl: Es war noch echt.
Die Welt war leiser, wärmer, blasser,
kein Algorithmus sprach das Recht.
Wir stehen nun an jener Schwelle,
nur einen Bit vom Weltenrand,
wo Daten fluten wie die Welle
und niemand mehr das Morgen fand.
Die Welt mag laut nach Freiheit schreien,
doch ihre Seele flüstert blind;
wir lassen uns vom Schein befreien
und suchen, wer wir wirklich sind.
Wir retten Steine, alte Lieder,
und feilschen kühl auf jedem Markt,
doch beugt die Sehnsucht uns die Glieder
nach einem Herz, das Güte wagt.
Im Orbit kreisen unsre Träume,
indes die Erde kleiner wird;
wir roden unsre Lebensräume,
vom eigenen Größenwahn verirrt.
Auch Einsteins Schatten lächelt bitter –
der Teufel schläft im Schaltkreis ein,
er hockt im Gencode wie im Gitter;
der Mensch will Gott und Schöpfer sein.
O Mensch, besinn dich deiner Taten,
bevor der letzte Sinn versiegt;
denn wenn die Herkunft wird verraten,
verliert das Ziel, wohin er fliegt.
Doch wenn wir unsrer selbst bewusst,
uns neu erschaffen, achtsam und auch klar,
dann heilt der Zweifel in der Brust:
die Renaissance – so wahr, wie nie sie war.
@Thomas de Vachroi

