Warum ich noch in der lutherischen Kirche bin.

Immer wieder werde ich gefragt: Warum ich noch in der Kirche (lutherisch) bin?
Um den christlichen Glauben zu praktizieren, bedarf es doch nicht unbedingt einer kirchlichen Organisation, oder?
Diese ist aber erforderlich, um der Gemeinschaft der Gläubigen einen festen Rahmen, ein Zuhause zu geben. Den Glauben gemeinschaftlich zu leben, gibt Geborgenheit „im Schutze der Kirche“, stärkt das Wir-Gefühl und bildet damit eine starke solidarische Basis, um aus dieser Gemeinschaft heraus das Leben im christlichen Sinne mitzugestalten – nicht dadurch, dass die Organisation Kirche versucht, Tagespolitik zu machen, sondern dadurch, dass sie den einzelnen dazu befähigt, auf Grund der gemeinschaftlichen Überzeugungen politisch zu wirken.
Natürlich braucht eine organisierte Kirchengemeinschaft Geld, in erster Linie um die vielen sozialen Projekte zu finanzieren, aber auch um die angestellten Funktionsträger, insbesondere die Pfarrerinnen und Pfarrer als Seelsorger und die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angemessen zu entlohnen. Hier scheint mir die von allen Kirchenmitgliedern solidarisch erhobene Kirchensteuer eine angemessene Lösung. Für mich ist sie kein Grund, aus der Kirche auszutreten!
Meine Liebe gilt hingegen den kirchlichen Traditionen. Der sich stets wiederholende Rhythmus des Kirchenjahres (Advent, Weihnachten, Ostern und Pfingsten), die gleichförmig wechselnden Liturgien, die altbekannten Kirchenlieder (erfreulicherweise oft gepaart mit modernem, zunächst noch unbekanntem Liedgut) bringen Gleichmäßigkeit und Ruhe in unser heutiges vielfach von Hektik bestimmtes Leben. Die Gottesdienste bieten immer wieder eine willkommene Gelegenheit, über vieles nachzudenken, was in der Geschäftigkeit des Alltags untergeht. Zu meinem christlichen Selbstverständnis gehören die Taufe, die Konfirmation, die kirchliche Trauung und kirchliche Beerdigung.
Gemeinschaft und Tradition sind aber letztlich nur die – wenn auch sinnbildende – Klammer, die mich weiterhin zu unserer Kirche stehen lässt. Ich glaube fest, dass mir die Kirche Luthers letztlich die Sinnfragen des menschlichen Lebens am besten und fundiertesten beantworten hilft. Ich möchte etwas über Gott erfahren, ob es ihn gibt, wer er ist, wie er mir begegnet, wie ich zu ihm stehe und wie sich das alles auf mein eigenes Leben auswirkt. Die sonntägliche Predigt unseres Pfarrers kann immer nur einige Facetten dieses Themas be- und ausleuchten und Anregung sein, sich selbst mit diesen Urfragen der Menschheit weiter zu beschäftigen.
Diese Glaubensfragen zerreißen mich innerlich in meiner evangelischen Kirche – und ebenso die brennenden Themen der Gesellschaftspolitik: die Not der Menschen, die mich nachts kaum schlafen lässt, Hass und Hetze, die mich zweifeln lassen, und die weltweiten Krisen und Kriege, die wie ungelöste Rätsel in meinem Herzen nagen. Verzweifelt suche ich in meiner Kirche nach echten, tröstenden Antworten auf die tiefsten Existenzfragen der Menschheit, die mich quälen und meine Seele erschüttern.
Wer, wenn nicht meine Kirche, könnte diese je wirklich zufriedenstellend beantworten?!
Thomas de Vachroi



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