Was verbirgt sich hinter dem Namen @Meks
Was verbirgt sich hinter dem Namen @Meks
von Thomas de Vachroi · 29. April 2021
(@Meks: materielle, emotionale, krankheitsbedingte und soziale Armut)
Die Hinnahme von unfreiwilliger Armut in der Gesellschaft stellt ein gesellschaftliches wie individuelles Versagen dar. Unsere Gesellschaft verfügt über ein in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesenes Ausmaß an Ressourcen. Deswegen gibt es keine Entschuldigung, unzureichende Teilhabe und Armut nicht entschieden überwinden zu wollen.
Viele Menschen werden durch umverteilende sozialstaatliche Leistungen vor Armut geschützt, doch ohne sie läge die Quote der von Armut Bedrohten gut doppelt so hoch, wie sie heute ist. Dennoch gibt es auch in unserem reichen Land Formen von Armut, die mit sozialer Ausgrenzung einhergehen, die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Teilhabe beeinträchtigen oder verhindern und als gesellschaftliche Vernachlässigung von Menschen zu verstehen sind.
Armut ist nicht nur eine Frage mangelnder materieller Mittel, sondern auch die Frage, wie man innerhalb einer reichen Gesellschaft menschenwürdig leben kann. Armut ist immer relativ zu Reichtum.
Wir erleben momentan keinen Aufbruch, sondern eher einen Einbruch in die Lebenswelt unserer Gesellschaft.
Armut definiert sich nicht mehr allein über materielle oder krankheitsbedingte Merkmale, sondern auch über soziale und emotionale Aspekte. Kurz: Der Begriff @Meks ist eine erweiterte Darstellung von Armut in unserer Gesellschaft.
Es bringt nichts, Armut wissenschaftlich zu erklären, wenn ein nicht geringer Anteil von Menschen in unserer Gesellschaft an @Meks leidet.
Viele zeigten Verständnis für die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Doch die Maskenpflicht und die Isolierung (Kontaktbeschränkung) der Bürger zeigten auch die andere Seite. Maskenpflicht bedeutete auch den Verzicht, sein Gegenüber zu sehen oder zu verstehen. Die Maske unterdrückte die Mimik und Gestik von Menschen. Niemand wusste, was das Gegenüber tatsächlich ausdrücken wollte. Menschen, die seh- oder hörbeeinträchtigt sind, konnten Gesprächen nicht mehr folgen bzw. nicht mehr von den Lippen ablesen. Die Folge war, dass sich die Menschen noch mehr zurückgezogen und teilweise Angst hatten, auf Fragen zu antworten, die sie akustisch nicht mehr wahrnehmen konnten.
„Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Lebenshaltung, die seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet …“ heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 (Art. 25 Abs. 1).
Die Menschenwürde wird angetastet, wenn das Selbstwertgefühl eines Menschen zerstört wird und er unter Lebensbedingungen aufwachsen muss, die ihn zum Objekt erniedrigen.
Die Folgen von Armut sind deutlich sichtbar in Bezug auf die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ und das „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben, das Ausgeliefertsein gegenüber dem willkürlichen Verhalten Dritter und schwere psychosomatische Folgen machen die Ausübung der Grundrechte aus Artikel 2 des Grundgesetzes nahezu unmöglich.
Wenn das grundgesetzliche Sozialstaatsgebot vor allem den sozial schwächeren Teil der Bevölkerung schützt und die Belange der Allgemeinheit Vorrang vor der Verfolgung eigensüchtiger Interessen haben, dann steht den Menschen für ein angemessenes Leben in Würde zumindest ein moralisches „Grundrecht“ zu.
Das Verständnis von Armut entsteht immer vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses und insbesondere der materiellen Situation einer Gesellschaft.
So wurden in den letzten Jahren auf der Grundlage einer relativen Definition von Armutsbedrohung (von Armut bedroht sind Menschen, die über weniger als 60% des Medianeinkommens verfügen) sehr unterschiedliche Lebenssituationen als „Armut“ bezeichnet: die Situation junger Arbeitsloser, alleinerziehender Mütter, Großfamilien mit geringem Einkommen, Langzeitarbeitsloser, älterer Menschen mit zu kleiner Rente oder inzwischen wieder arbeitender Menschen, deren Einkommen nicht für ein auskömmliches Leben reicht.
Diese Lebenssituationen sind sehr unterschiedlich und wirken sich verschieden auf die Menschen aus. Eine akademisch ausgebildete, alleinerziehende Mutter im SGB-II-Bezug verfügt beispielsweise in der Regel über deutlich mehr Kompetenzen als eine Familie mit niedrigem Bildungsniveau, die bereits in der zweiten Generation hauptsächlich staatliche Transferleistungen bezieht.
Solche Differenzierungen der Armutsbetroffenheit stellen keine Verharmlosung der Situation dar, sondern helfen bei der Präzisierung notwendiger Handlungsstrategien. Entsprechend unterschiedlich müssen Hilfsmaßnahmen ansetzen, insbesondere dann, wenn sie auf die Stärkung von Kompetenzen sowie auf die Entwicklung und Nutzung vorhandener Ressourcen zielen, um eine reine Versorgungssituation zu durchbrechen und Menschen in Armut zu helfen, wieder möglichst selbstverantwortlich leben zu können.
Deswegen reichen rein monetäre Messkriterien zur Beurteilung der realen Situation dieser Menschen nicht aus. Notwendig sind grundlegende Reflexionen darüber, was Armut etwa in einer multidimensionalen Perspektive tatsüächlich kennzeichnet.
Die konkrete Armutserfahrung stellt ein komplexes Gefüge aus verschiedenen Bestimmungen und Bedingungen dar. Armut ist weder monokausal zu erklären, noch anhand weniger Indikatoren zu identifizieren. In der gesellschaftlichen Diskussion hat sich die Betrachtung von Armut als Mangel an Verwirklichungschancen als besonders hilfreich erwiesen.
Materielle Armut
Materielle Armut ist in vielerlei Hinsicht die zentrale Beeinträchtigungserfahrung, die Menschen machen. Nach wie vor zählen daher zu den Armen in Deutschland auch statistisch gesehen vor allem materiell Arme, auch deshalb, weil diese Dimension am leichtesten zu erfassen ist. Wer wegen Geldmangels nicht in der Lage ist, an gesellschaftlich üblichen Möglichkeiten teilzunehmen und sich deshalb ausgeschlossen fühlt, befindet sich zweifellos in einer benachteiligten Situation und erlebt dies häufig als Demütigung und Beschämung.
Körperliche Schwäche (krankheitsbedingt)
Körperliche Schwäche, also gesundheitliche Probleme, gehört ebenfalls zur Definition von Armut. Weltweit ist dies offensichtlich, aber auch in Deutschland greift dieses Kriterium. Arme Menschen werden statistisch gesehen schneller krank, leiden häufiger an bestimmten Erkrankungen und haben vor allem eine geringere Lebenserwartung als Menschen in besseren Lebensverhältnissen. Sie treiben weniger Sport, ernähren sich oft ungesünder und verfügen daher häufig über weniger körperliche Ressourcen.
Isolation (Abgrenzung)
Können sich arme Menschen nicht in öffentlichen Räumen bewegen, die grundsätzlich allen offenstehen, entsteht soziale Isolation. Zwar besteht formal Zugang zu Medien wie Internet oder Fernsehen, doch die tatsächliche Nutzung ist häufig eingeschränkt und hängt stark von Kompetenzen und Bildungsaspirationen ab.
Soziale Dimension
Arme Menschen und Familien haben in der Regel weniger Reserven, um sich gegen Schwierigkeiten im Leben physisch und psychisch abzusichern. Es fehlen Wahlmöglichkeiten, um Probleme zu vermeiden oder zu lösen. Häufig fehlen auch Ersparnisse sowie soziales und kulturelles Kapital, also Beziehungen und Bildung, die helfen könnten, langfristige Perspektiven zu entwickeln.
Machtlosigkeit
Kennzeichnend für viele Armutssituationen ist die eingeschränkte Fähigkeit, die eigenen Lebensbedingungen selbst im unmittelbaren Umfeld kontrollieren zu können. Oft fehlt auch das Wissen, um mehr Kontrolle über zentrale Lebensbereiche zu erlangen. Die Umwelt wird als fremd und bedrohlich erlebt, als etwas, dem man ausgeliefert ist. Diese Erfahrungen wirken sich unmittelbar auf die psychische und körperliche Gesundheit aus.
Erst durch die Verbindung dieser Dimensionen mit quantitativen beziehungsweise monetären Armutsindikatoren entsteht ein zutreffendes Bild von Armut. Es gewinnt zusätzlich an Schärfe, wenn auf dieser Grundlage ganze Armutsmilieus innerhalb der Gesellschaft identifiziert werden können.
@Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter



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