(@Meks: materielle, emotionale, krankheitsbedingte und soziale Armut)

Die Hinnahme von unfreiwilliger Armut in der Gesellschaft stellt ein gesellschaftliches wie individuelles Versagen dar. Unsere Gesellschaft verfügt über ein in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesenes Ausmaß an Ressourcen: deswegen gibt es keine Entschuldigung, unzureichende Teilhabe und Armut nicht entschieden überwinden zu wollen.

Viele Menschen werden durch umverteilende sozialstaatliche Leistungen vor Armut geschützt: ohne sie läge die Quote der von Armut Bedrohten gut doppelt so hoch, wie sie heute ist. Aber dennoch gibt es auch in unserem reichen Land Formen von Armut, die mit sozialer Ausgrenzung von Menschen einhergehen, die Wahrnehmung von Teilhabe an der Gesellschaft beeinträchtigen oder verhindern und als gesellschaftliche Vernachlässigung von Menschen zu verstehen ist.

Armut ist nicht nur die Frage nach mangelnden materiellen Mitteln, sondern danach, wie man innerhalb einer reichen Gesellschaft menschenwürdig leben kann. Armut ist immer relativ zu Reichtum.
Wir erleben momentan keinen Aufbruch, sondern eher einen Einbruch in die Lebenswelt unserer Gesellschaft.
Die Armut definiert sich nicht mehr allein über materielle oder krankheitsbedingte Merkmale, sondern über soziale und emotionale, kurz der Begriff –@Meks- ist eine erweiterte Darstellung von Armut in unserer Gesellschaft.
Es bringt nichts Armut wissenschaftlich zu erklären, wenn ein nicht geringer Anteil Menschen in unserer Gesellschaft an –@Meks- leiden.

Viele zeigen Verständnis für die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie.
Doch die Maskenpflicht und die Isolierung (Kontaktbeschränkung) der Bürger zeigt auch die andere Seite. Maskenpflicht bedeutet auch Verzicht seinen Gegenüber zu sehen oder zu verstehen. Die Maske unterdrückt die Mimik und Gestik von Menschen. Niemand weiß, was der Gegenüber tatsächlich ausdrückt. Menschen die Seh, – und hörbeeinträchtigt sind können Gesprächen nicht mehr folgen bzw. von den Lippen ablesen. Die Folge ist, dass sich die Menschen noch mehr zurückziehen und teilweise Angst haben, Antworten zu geben auf Fragen die sie akustisch nicht mehr wahrnehmen.

„Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Lebenshaltung, die seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet …” heißt es in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 (Art. 25 Abs. 1).
Die Menschenwürde wird angetastet, wenn das Selbstwertgefühl des Menschen zerstört wird und er unter Lebensbedingungen aufwachsen muss, die ihn zum Objekt erniedrigen.

Die Folgen von Armut sind deutlich sichtbar in Bezug auf die “freie Entfaltung der Persönlichkeit” und das “Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit”. Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben, das Ausgeliefertsein in das willkürliche Verhalten Dritter und die schweren psychosomatischen Folgen machen die Ausübung der Grundrechte des GG Artikel 2 fast unmöglich.

Wenn das grundgesetzliche Sozialstaatsgebot vor allem den sozial schwächeren Teil der Bevölkerung fördert und die Belange der Allgemeinheit den Vorrang vor der Verfolgung eigensüchtiger Interessen haben, dann steht den Menschen für ein angemessenes Leben in Würde zumindest ein moralisches „Grundrecht“ zu.
Das Verständnis von Armut entsteht immer vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses und insbesondere der materiellen Situation einer Gesellschaft.

So wurden in den letzten Jahren auf der Grundlage einer relativen Definition von Armutsbedrohung (von Armut bedroht sind Menschen, die über weniger als 60 % des Medianeinkommens verfügen) sehr verschiedene Lebenssituationen mit „Armut“ bezeichnet: die Situation junger Arbeitsloser, alleinerziehender Mütter, Großfamilien mit wenig Einkommen, Langzeitarbeitsloser, alter Menschen mit zu kleiner Rente oder – inzwischen wieder – arbeitender Menschen, deren Gehalt zu einem auskömmlichen Leben nicht reicht.

Diese Lebenssituationen sind sehr unterschiedlich und wirken sich verschieden auf die Menschen aus. Eine akademisch ausgebildete alleinerziehende Mutter im SGB II Bezug verfügt z.B. in der Regel über weit mehr Kompetenzen als eine Familie mit niedrigem Bildungsniveau, die schon in der zweiten Generation hauptsächlich staatliche Transferleistungen bezieht.

Solche Differenzierungen der Armutsbetroffenheit stellen keine Verharmlosung der Situation dar, sondern helfen zur Präzisierung von notwendigen Handlungsstrategien. Entsprechend unterschiedlich müssen dann Hilfemaßnahmen ansetzen – gerade, wenn sie auf die Stärkung von Kompetenzen und auf die Entwicklung und Nutzung der
vorhandenen Ressourcen der Menschen zielen, um eine reine Versorgungssituation zu durchbrechen und in Armut geratenen Menschen zu helfen, wieder möglichst selbstverantwortlich leben zu können.

Deswegen reichen die rein monetären Messkriterien für Armut zur Beurteilung der realen Situation dieser Menschen nicht aus. Notwendig sind grundlegende Reflexionen darüber, was Armut – z.B. in einer multidimensionalen Perspektive – kennzeichnet.
Die konkrete Armutserfahrung stellt ein komplexes Gefüge von verschiedenen Bestimmungen und Bedingungen dar. Armut ist weder monokausal zu erklären noch nur an wenigen Indikatoren zu identifizieren. In der gesellschaftlichen Diskussion hat sich als besonders hilfreich die Sicht auf Armut als Mangel an Verwirklichungschancen herausgestellt.

1. Materielle Armut
Materielle Armut ist in vielerlei Hinsicht zunächst die entscheidende Beeinträchtigungserfahrung,
die Menschen machen können. Nach wie vor zählen deswegen zu
den Armen in Deutschland auch statistisch gesehen vor allem materiell Arme. Dies allerdings auch deswegen, weil diese Dimension am leichtesten umfassend erhoben werden kann. Wer wegen Geldmangels nicht in der Lage ist, sich an anerkannten gesellschaftlichen Möglichkeiten beteiligen zu können und sich deswegen von dem ausgeschlossen fühlt, was sich – fast – alle anderen leisten können, der ist zweifellos in einer benachteiligten Situation und erlebt dies in der Regel als Demütigung und Beschämung.

2. Körperliche Schwäche (krankheitsbedingt)
Körperliche Schwäche – sprich: gesundheitliche Probleme und anderes – gehört
ebenfalls zur Definition von Armut. In der weltweiten Situation ist dies unmittelbar einsichtig, aber auch in Deutschland greift dieses Kriterium. Arme Menschen werden statistisch gesehen schneller krank, sie haben andere Krankheiten als die Wohlhabenden und sie haben vor allen Dingen eine geringere Lebenserwartung als diejenigen, die unter besseren Bedingungen aufwachsen und leben. Arme Menschen treiben weniger Sport, ernähren sich nicht so gesund wie andere und mangeln deswegen auch an körperlicher Stärke. Sie können schon allein deswegen häufig nicht so leistungsfähig sein wie andere.

3. Isolation (Abgrenzung)
Können sich arme Menschen nicht in den öffentlichen Bereichen bewegen,
die sonst für alle zur Verfügung stehen. Man kann dem entgegenhalten, dass natürlich jeder heute hier bei uns Zugang zum Internet oder zum Fernsehen haben kann, aber der für alle gleiche Zugang reduziert sich in der konkreten Nutzung in der Regel auf sehr selektive Bereiche, die wiederum mit den entwickelten Kompetenzen und jeweiligen Bildungsaspirationen zusammenhängen.

4. Sozial
Arme Menschen und arme Familien haben in der Regel wenig(er) Reserven, um sich gegen Schwierigkeiten im Leben physisch und psychisch „puffern“ zu können.
Es fehlen ihnen Wahlmöglichkeiten, um schwierige Situationen zu vermeiden oder auch Probleme zu lösen. Ihnen fehlen Ersparnisse und bisweilen auch soziales oder kulturelles Kapital, d. h. Beziehungen und Bildung, die mithelfen könnten, in schwierigen Situationen durch die Entwicklung längerfristiger Perspektiven zurechtzukommen.

5. Machtlosigkeit
Kennzeichnend für die meisten Armutssituationen ist die mangelnde Fähigkeit, eigene Lebensbedingungen – und sei dies auch nur in der unmittelbaren Umgebung kontrollieren zu können. Es fehlt oft auch an Wissen, um sich eine größere Kontrolle wichtiger Lebensbezüge aufzubauen. Die Umwelt wird deswegen als fremd und bedrohlich erfahren, die das eigene Leben einschränkt, und als das, wovon man abhängig ist. Solche Erfahrungen der Machtlosigkeit haben wiederum unmittelbaren Einfluss auf die seelische und körperliche Gesundheit.
Erst in der Verbindung dieser Dimensionen konkreter Armutsbetroffenheit mit den vorfindlichen zahlenhaften bzw. schlicht monetären Armutsindikatoren lässt sich ein zutreffendes Bild der Armutserfahrung zeichnen. Es gewinnt dann noch an Trennschärfe, wenn sich auf dieser Grundlage ganze Armutsmilieus in der Gesellschaft identifizieren lassen.

@Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter des evangelischen Kirchenkreis Neukölln

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