Wenn Armut Unterrichtsthema wird
Wenn Armut Unterrichtsthema wird.
Im Jahr 2024 erneuerte ich öffentlich die Forderung nach einer eigenen Unterrichtseinheit „Armut“ – und sah mich dafür deutlicher Kritik bis hin zu bundesweiter Ablehnung ausgesetzt. Heute zeigt sich jedoch: Die Debatte hat etwas in Bewegung gebracht.
Religionsunterricht als Lernort für Gerechtigkeit
Seit 2025 greifen erste Berliner Schulen das Thema Armut gezielt auf, besonders im Religionsunterricht. Dort, wo Werte, Mitgefühl und Verantwortung im Mittelpunkt stehen, wird Armut nun im Rahmen von Projektarbeit behandelt – ein wichtiger Schritt hin zu mehr Bewusstsein und Offenheit im Klassenzimmer.
Lehrerinnen und Lehrer berichten von großer Aufmerksamkeit, vielen Fragen und spürbarer Anteilnahme. Schülerinnen und Schüler – ob im evangelischen oder katholischen Religionsunterricht – zeigen, dass sie bereit sind hinzuschauen, zuzuhören und mitzudenken.
Armut mitten unter uns.
Armut ist kein Randphänomen, das nur „die anderen“ betrifft. Sie ist mitten unter uns, in den Familien, auf den Schulhöfen, in den Vierteln dieser Stadt. Niemand muss sich dafür schämen, von Armut betroffen zu sein. Vielmehr trägt die Gesellschaft die Verantwortung, dieses Thema sichtbar zu machen, darüber zu sprechen und Wege der Unterstützung zu öffnen.
Wenn Schule Armut zum Thema macht, bricht sie das Schweigen – und schafft Raum für Verständnis, Solidarität und konkrete Hilfsbereitschaft.
Kreative Zeichen der Solidarität
An der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Lichtenrade haben Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen eigens Bilder zum Thema Armut gestaltet. In Farben, Formen und Symbolen zeigen sie, wie Kinder soziale Ungleichheit wahrnehmen – und wie sehr sie sich ein gerechteres Miteinander wünschen.
Auch das Fichtenberg-Gymnasium setzt ein starkes Zeichen: Mit einer Sammelaktion unterstützen Schülerinnen und Schüler die Tee- und Wärmestube Neukölln. Dort finden Menschen, die von Armut, Wohnungslosigkeit oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind, Wärme, Ansprache und Hilfe – getragen auch von der Solidarität junger Menschen.
Mein ausdrücklicher Dank gilt den engagierten Pädagoginnen, die diese Projekte möglich machen: Pfarrerin Pia Rübenach ev., Pfarrerin Susanne Rabe ev. und Suzanna Mihalovic von der katholischen Kirche. Ihr Einsatz zeigt, was Schule und Kirche gemeinsam bewegen können.
Hoffnung durch junge Stimmen
Es macht Hoffnung, wenn Kinder und Jugendliche sich bereits in diesem Alter ernsthaft mit Armut auseinandersetzen und auch eigene Erfahrungen einfließen lassen. Sie sind wissbegierig, stellen unbequeme Fragen und denken darüber nach, wie unsere Gesellschaft gerechter werden kann.
Gerade diese jungen Stimmen machen deutlich: Armut darf kein Tabuthema bleiben. Sie gehört in den Unterricht, in die öffentliche Debatte und in unser gemeinsames Handeln.
Darum bleibe ich bei meiner Forderung: Das Thema Armut muss fest im Unterricht verankert werden.
„Wer früh lernt hinzusehen, wird später nicht wegschauen.“
Danke für diese Anerkennung – und vor allem danke an die Kinder und Jugendlichen, die zeigen, wie gelebte Mitmenschlichkeit aussieht.
Thomas de Vachroi
Armutsbeauftragter des Evangelischen Kirchenkreises Neukölln
und der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)


