Tdeva

Hilfe zur Selbsthilfe

Arbeitslos, krank, Drogen, Depressionen und (soziale) Kälte

Wer nicht vorher schon krank war, der wird es beim Leben auf der Straße.
Wer eine Erkältung in den Knochen spürt, der weiß: viel trinken, Wollsocken anziehen, schlafen – notfalls krankschreiben lassen. Nach ein paar Tagen ist die Erkältung wieder weg. Schwer machbar nur, wenn der Patient auf der Straße lebt. Dann kann aus der laufenden Nase schon mal eine verschleppte Erkältung werden und daraus eine Herzmuskelentzündung.

Obdachlosigkeit ist nicht nur ein soziales, sondern auch ein gesundheitliches Problem. Weil die Betroffenen Tag und Nacht draußen verbringen, werden sie krank. Weil es keinen Ort gibt, an dem sie sich erholen können, werden sie nicht mehr gesund. Ein nicht zu unterschätzendes Faktum ist die Nahrungsmittelaufnahme. Teils aus Müllcontainern oder sogar weggeworfene Nahrungsmittel in Parkanlagen werden gegessen.
Obdachlose Menschen altern schneller, sind öfter verletzt und verschleppen Infektionen. Viele trinken Alkohol oder nehmen andere Drogen; oft, um Schmerzen und Probleme zu verdrängen. Obdachlose gehören zu den kränksten Menschen in unserer Gesellschaft.

Hinzu kommt, dass viele Obdachlose bereits vor ihrem Leben auf der Straße psychisch erkranken. Die Folgen: Überforderung, Einsamkeit, Isolierung und Schulden.
Zur medizinischen Versorgung obdachloser Menschen in Berlin gibt es kaum offizielle Daten. Erst seit 2015 werden die Behandlungszahlen systematisch erfasst. Auch der Verein Openmed e.V. erfasst mittlerweile Behandlungszahlen sowie häufige Krankheitsfälle.

Sehr vage Schätzungen, voneinander abweichende Zahlen und unvollständige Datensätze: Das finden die VolontärInnen der Evangelischen Journalistenschule beim Versuch, Obdachlosigkeit für das Datenjournalismus-Projekt in Zahlen zu fassen.
Dazu kommen Behörden, die sich zu diesem Thema kaum äußern, Listen, die nicht digital verfügbar und SozialarbeiterInnen, die chronisch überlastet sind.
Generell werden in Deutschland kaum Statistiken zu Obdachlosigkeit erhoben. Der Berliner Senat begründet das so: „Obdachlose, die sich nicht im Hilfesystem aufhalten, sind grundsätzlich nicht zählbar“, trotzdem versucht der Senat das Thema nun anzugehen mit Strukturkonferenzen und vielen Trägern aus dem Sozialbereich. Auch die Kirchen beteiligen sich massivst an einem „Armutsprogramm“.

Solange aber es in Berlin keine konkreten Zahlen zur Situation Obdachloser gibt, fehlt auch eine Argumentationsgrundlage für eine zielgerichtete und systematische Hilfe. Der Berliner Senat und die Bezirke stellen jährlich knapp fünf Millionen Euro für die Obdachlosenhilfe zur Verfügung.
Das reicht bei Weitem nicht aus.

Alle Menschen müssen essen, schlafen, sich waschen, kleiden und auf Toilette. Für tausende Obdachlose in Berlin bedeutet das einen unüberwindbaren Aufwand.

Wo soll ich mich waschen?
Wo darf ich eine Toilette benutzen?
Wo bekomme ich Nahrung und Kleidung?
Wo bekomme ich medizinische Hilfe?

Es ist ein seit Jahren unzumutbarer Zustand.
Nun werden einige sagen: Selber schuld, keiner muss seinen Alltag auf der Straße leben.
Doch das wäre zu plakativ. Es gibt viele Gründe in unserer zivilen Welt, die man erklären aber auch abwenden kann.
Die Ursachen von Obdachlosigkeit oder drohender Wohnungslosigkeit sind vielfältig.

– Mietschulden und daraus resultierende Zwangsräumung
– Scheidung oder Tod eines Lebensgefährten oder nahen Verwandten, wenn dadurch Hilflosigkeit eintritt
– Arbeitslosigkeit
– fehlende Schulbildung oder unvollständige Berufsbildung
– Wegfall der Grundsicherungsleistung nach wiederholter Verletzung der Pflichten, von deren Erfüllung die
  Grundsicherung abhängig ist (§ 31, § 31a SGB II)
– Krankheit oder Persönlichkeitsstörungen
– Gefängnisaufenthalt und mangelhafte oder fehlende Resozialisierung nach der Freilassung
– Kriegsflucht, Vertreibung oder Migration aus Armut
– Verlust des Wohnraums infolge von Naturkatastrophen
– das Erleiden eines Schädel-Hirn-Traumas

Obdachlosigkeit bei Kindern und Jugendlichen:

– materielle Not und Obdachlosigkeit der gesamten Familie
– Flucht vor Gewalt oder Missbrauch im Elternhaus
– zu enge Wohnverhältnisse im Elternhaus
– Flucht vor ständigen Konflikten mit anderen Familienmitgliedern
– Flucht aus Heimen
– Geldmangel in der Familie.

Die Not zu lindern, Hilfe anzubieten sowie den Menschen eine neue Perspektive aufzuzeigen um am gesellschaftlichen Leben wieder teilzunehmen, das ist unsere Verantwortung als Staat und Gesellschaft.

Redaktionell: Thomas de Vachroi

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