Besuch in Burg (Spreewald) – auf den Spuren von Theodor Fontane

Seit Jahrhunderten leben sie mit dem Wasser. Nicht gegen es, nicht über es – mit ihm. Die Vorfahren der heutigen Spreewaldbewohner waren Bauern und Fischer, und oft beides zugleich. Sie rodeten die dunklen, schweren Wälder, gruben Gräben in das widerständige Land, legten Wiesen frei, wo zuvor nur Sumpf war. Jeder Schritt ein Ringen, jede Lichtung ein Versprechen. Diese Landschaft ist nicht einfach gewachsen. Sie ist Erinnerung in Erde.
Unser Fährmann spricht noch Sorbisch. Seine Stimme trägt Wörter, die älter sind als die Wege, auf denen wir gehen. In Lübbenau jedoch ist diese Sprache fast verklungen – wie ein Lied, das man zu lange nicht mehr gesungen hat. Man erzählt sich, der Teufel selbst habe den Spreewald geschaffen. Betrunken habe er seine Feuerochsen vor den Pflug gespannt und ein wirres Netz aus Wasseradern durch das Land gezogen – kreuz und quer, ohne Ziel, nur getrieben von einer dunklen Laune. Und wenn man heute durch diese Landschaft fährt, könnte man fast glauben, dass Ordnung hier nie das letzte Wort hatte. Fontane hörte in der Lübbenauer Kirche noch Predigten auf Sorbisch.
Das ist kaum mehr als ein Atemzug her, gemessen an der Zeit. Und doch: In Burg und den Dörfern des Ostens lebt die Sprache weiter. Auf Schildern, in Klassenzimmern, in den Stimmen der Kinder. Nicht laut, nicht fordernd – aber beharrlich. Wie das Wasser selbst. Die Sorben, ein westslawisches Volk, kamen einst in dieses Land zwischen Weichsel und Elbe, bauten ihre Häuser aus Holz und Schilf und gaben der Gegend einen Namen, der bleibt: Sumpfland. Ein Wort, das nichts beschönigt und doch alles umfasst.
“Viele Einheimische sagen, dass der Teufel den Spreewald erschaffen hat. Im trunkenen Zustand hatte er seine Feuerochsen vor den Pflug gespannt und damit über eintausend Kilometer Gräben gezogen, die kreuz und quer sich durch die Landschaft ziehen.”
Dann kamen andere, wie sie immer kommen. Siedler, Suchende, Vertriebene. Seit dem 10. Jahrhundert verschoben sich Grenzen, wurden Sprachen leiser, andere lauter. Friedrich der Große ließ neue Dörfer gründen, versprach Land, versprach Freiheit. Für eine Zeit hielt man daran fest. Doch Versprechen haben selten lange Wurzeln. Heute kommen sie wieder, die Fremden. Sie tragen keine Pflüge mehr, sondern Kameras. Sie suchen keine Felder, sondern Bilder. Und doch ist da etwas Gemeinsames: die Sehnsucht, hier etwas zu finden, das anders ist als anderswo.
Die Kolonieschänke liegt still in dieser Landschaft, als hätte sie sich bewusst nicht entschieden, mit der Zeit zu gehen. Ihre Wände tragen Geschichten, ihre Räume bewahren Unterschiede: hier ein Himmelbett, dort ein einfaches Plumpsklo. Kein Widerspruch, eher ein leises Augenzwinkern. Der Wirt erzählt, und während er spricht, scheint die Zeit für einen Moment stehen zu bleiben. Am Steg warten die Kähne. Die Fährmänner stoßen sie lautlos ins Wasser, führen sie durch die engen Kanäle, durch Schatten und Licht.
Ihre Geschichten treiben mit – mal heiter, mal unheimlich, immer ein wenig näher an der Tiefe dieses Ortes. Und dann, plötzlich, ist da diese Stille. Keine hundert Kilometer von Berlin entfernt, und doch eine andere Welt. Kein Lärm, kein Drängen. Nur das Rascheln der Blätter, das Ziehen des Wassers, das Rufen der Vögel. Der Spreewald ist kein Ort, den man versteht. Er ist ein Ort, in dem man sich verliert – und vielleicht gerade darin etwas wiederfindet. Dass er geschützt ist, bewahrt ihn nicht vor der Zeit. Aber vielleicht vor dem schnellen Zugriff, vor dem Vergessen im Vorübergehen. Denn was hier ist, lässt sich nicht wiederholen. Nur bewahren. Oder verlieren. ________________________________________
Ca. 98 Kilometer von Berlin entfernt taucht man in eine andere Welt ein. Kein Straßenlärm, keine Feinstaubwolken trüben die Luft. Vogelgezwitscher und eine teilweise fast unberührte „Wildnis“ empfängt die reisefreudigen Touristen. Es ist ein Refugium schönster Natur. Dank an die UNESCO, die dieses Gebiet zum Weltkulturerbe erklärt hat. Wer weiß was passiert wäre, wenn dieses Naturidyll zur „Plünderung“ freigegeben worden wäre. Die Geschichte und die Vergangenheit dieser einzigartigen Landschaft und der dort lebenden Sorben hätten aufgehört zu existieren.
Foto: Tdeva
https://www.kolonieschaenke.de/


Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.