Die Bühne des Lebens
Die Bühne des Lebens
Sechszehn Jahre sind vergangen, seit die ersten Zeilen dieser Geschichte auf Papier oder Bildschirm fanden. Sechszehn Jahre, in denen sich die Welt und ich mich selbst vielfach gewandelt haben. “Die Bühne des Lebens” entstand 2010, in einer Zeit tiefgreifender persönlicher Auseinandersetzungen, und ist seither in meinem Gedächtnis, in meinen Notizen und meinem Herzen gereift.
(Ein Schauspieler. Eine Bühne. Ein gaffendes Publikum. Ein Teufel, der Zeit hat. Und die alles entscheidende Frage: Wer bestimmt den Schlussakkord? Eine Reise in die Abgründe von Schaffenswahn, Isolation und dem unbändigen Willen zur Selbstbestimmung.)
Nun, im Jahr 2026, habe ich mich entschlossen, diesen Text wieder hervorzuholen, ihn zu überarbeiten und ihm eine neue Bühne zu geben – diese hier. Es ist eine faszinierende Reise zurück zu den Ursprüngen meiner Gedanken, zu jenen existentiellen Fragen nach Rolle, Kampf und der unermüdlichen Suche nach dem eigenen Schlussakkord. Manches Detail hat sich geändert, die Sprache ist vielleicht klarer geworden, doch das essenzielle Drama, die Auseinandersetzung des Schauspielers mit seinem Publikum, seinem Regisseur und dem stets lauernden Teufel, bleibt das Herzstück.
Es ist eine Einladung, einen Blick hinter die Kulissen einer Dekade zu werfen, in der sich die Fragen nach dem “Wer bin ich?” und “Wie spiele ich meine Rolle?” immer wieder neu stellten. Ich freue mich, diesen Teil meiner Geschichte nun mit Ihnen zu teilen.
Wir alle sind Schauspieler in einem unendlich wiederkehrenden Stück.
Betreten Sie die Bühne des Lebens – das Theater, das keiner verlässt, ohne gespielt zu haben.
Der Schauspieler und sein Publikum
Wir sprechen von einem Schauspiel, das in unserer Welt tausendfach erlebt wird.
Am Ende einer Karriere steht es erneut – ein letztes Aufbäumen, die Seele im ewigen Kampf mit dem Teufel.
Das ganze Theater um uns gleicht einem Traum, in dem der Schauspieler plötzlich seine Hose verliert.
Da steht er, entblößt, vor den Blicken eines gaffenden Publikums.
Kein Mitleid – nur Häme, nur Gelächter über die momentane Blöße, die Scham.
Doch der Schauspieler fängt sich wieder.
Er zieht die Hose hoch, schüttelt sich, richtet sich auf und steht – zum Erstaunen der Böswilligen – wieder mitten auf der Bühne.
Gottgleich lässt er den Blick durch die Reihen gehen, mit einer Arroganz, die das Publikum straft.
Und das Publikum?
Es lässt ihn hochleben, denn man erwartet etwas für sein Geld: bezahlte Kunst, ein Blick in den Spiegel seelischer Abgründe – ohne Hoffnung auf Mitleid.
Der Regisseur heißt Leben
Der Schauspieler ragt hervor, getrieben von einer ungewöhnlich befeuerten Regie.
Der Regisseur ist das Leben: es schreibt die großen und kleinen Dramen, verteilt Ovationen oder schreckliche Stille.
Gefährlich ist die Rolle: die Trunkenheit des Spiels, die Verlockung, zu übertreiben und ins Wilde, Unnatürliche abzugleiten.
Doch der Schauspieler bleibt meisterhaft.
Man spürt seine Aufrichtigkeit, sein eigenes Entsetzen über einen Zustand, der sich nicht lindern lässt.
Wider seinen Willen muss er ausgeglichen, charmant, vorbereitet sein – bereit für die tatsächlichen Tragödien des Lebens.
Er ist das Bindeglied zur Welt.
Aus dem überfüllten Zuschauerraum kommt kein Echo; er wirkt wie ein Ungeheuer, das nur einatmet und nie ausatmen muss.
Er saugt den Akteuren Kraft aus Seele und Knochen.
Die Wahl der Inszenierung
Die Wahl der Inszenierung raubt den Akteuren den Atem.
Immer stärker befällt das Entsetzen die Umwelt.
Insgeheim denkt jeder daran, diese Veranstaltung heimlich zu verlassen: sich wegzustehlen, ohne Fragen, ohne Antworten.
Der Schauspieler aber drängt zum Seitenwechsel – und beherrscht sich doch.
Er setzt sich auf den hingestellten Stuhl.
Die Zeit läuft – nur noch Stunden.
Wird es Beifall geben, Lohn für Mühe und Anstrengung der letzten Jahre?
Die Welt ist eine Maschine, die Vorgänge in Bewegung setzt.
Demütigungen, Beleidigungen, Ignoranz – darüber sinniert der Schauspieler in grenzenloser Offenheit.
Wo beginnt der Aufstieg, wie tief reicht der Absturz ins Bodenlose, ins Nichts?
Wo ist der Spielpartner – hat er den endlosen Sog bemerkt?
Es würde genügen, wenn er ihn nur spürte.
Warum greift keiner ein?
Seine Gedanken springen, kehren zu ihm zurück, lasten auf ihm selbst.
Er war nicht schlecht in seiner Rolle, das fühlt er.
Doch der elementare Wuchs des Talents – wie es sich zeigt, auf welch rissigem und steinigem Boden es wurzelt – das fehlt ihm, wie er plötzlich erkennt.
Der Stein des Anstoßes
Er fährt sich mit der Hand durchs Haar, spürt, wie es sich sträubt: Entschlüsse, Entschlüsse.
Schon seit Wochen bahnt sich eine Erkenntnis in ihm an, die ihn in hellste Unruhe versetzt, weil er sie nicht fassen kann.
Wenn irgendjemand ihn zu einem guten, wenigstens brauchbaren Schauspieler machen kann, dann das Leben selbst.
Aber wird es gelingen?
Wo bleibt der Regisseur?
Hat er gekniffen vor der Komplexität dieser Inszenierung?
War er es nicht, der den Stein des Anstoßes setzte, die Tragödie mit dem Hintergrund der Bloßstellung vor Publikum ins Rollen brachte?
Muss das Schauspiel neu besetzt werden?
Der Stein in ihm muss zerstückelt werden – doch unsere beiden Hände sind zu schwach.
Der Teufel hat Zeit.
Doch auch er setzt ein Ultimatum.
Das nicht zu tragende Dach
Es bleibt ein unüberwindbares Hindernis: einer allein kann das Dach nicht tragen.
Vom Körperlichen aus müsste der Schauspieler denken, nicht vom Kopf her versuchen, diesen verwunschenen, unzertrümmerbaren Stein in Bewegung zu setzen.
Vieles hat er gelernt.
Über manch ausdrucksvolle Geste und Worte kann er verfügen, seine Stimme ist ein Orchester – wandlungsfähig, bis der Vorhang fällt.
Aber wird es ihm noch einmal gelingen?
Wird sich der Vorhang noch einmal öffnen für eine zweite Vorstellung?
Hat er sich nicht um abseitige Gestalten gekümmert, um ihre Empfindungen und ihre Liebe?
Hat er nicht selbst schwache Stunden voller Angst und Pein verbracht – ohne geliebt zu werden?
Hat er nicht das Zusammenleben der Menschen als Unrecht empfunden?
Hat er nicht seine Freunde der Zeit beraubt, um selbst Stärke zu finden?
Und doch glaubt er zuweilen, das Schicksal habe noch Ungeheuerliches mit ihm vor – es stelle ihn außerhalb aller Gewöhnlichkeit.
Er muss handeln, wie er handelt, und ruft laut ins Publikum:
„ICH BIN, DER ICH BIN!”
Der Sturz – und die Verlockung
Als der Vorhang fällt, bleibt der Schauspieler noch eine Weile auf den Brettern liegen.
Eklige Ernüchterung zehrt an ihm, raubt ihm die Kraft, sich zu erheben.
Hinter ihm steht die teuflische Fratze mit einem Lachen, das tiefer und abgründiger nicht sein kann.
Sie spricht:
„Nun, da du am Boden liegst, wirst du mit mir kommen?”
Der Schauspieler erhebt sich schließlich, langsam, schmerzverzerrt.
Sein ganzes Äußeres bebt vor Angst und Zorn.
Schwer atmend, mit unheimlichem Glanz in den Augen, geht er auf der Bühne hin und her.
Der Teufel setzt sich inzwischen auf einen Stuhl, schlägt die hufähnlichen Füße übereinander, richtet die blutunterlaufenen Augen auf den Schauspieler – seinen Schauspieler, sein nächstes Opfer.
Der Schauspieler geht an ihm vorbei, bleibt plötzlich stehen.
Sie blicken einander in die Augen.
Der Teufel fragt scheinheilig:
„Wirst du morgen wieder spielen? Es wäre schön, wenn du dieses Schauspiel endlich beenden würdest – schau dich an, du Frack!”
Der Schauspieler aber dreht sich um und entgegnet im Weitergehen:
„Den Schlussakkord bestimme ich selber.”
„Es wird dir noch leid tun”, zischt der Teufel. „Von mir erwarte keine Gnade.”
Der Schauspieler sagt leise zu sich:
„Werde ich morgen noch einmal spielen können? Wird es mir noch einmal gelingen, diese verfluchte Vorstellung zu meistern? Vielleicht wäre es ein Segen, wenn ich versage. Dann hätte der Teufel sein Ziel erreicht.”
Neuinszenierung
Doch der Regisseur plant eine Neuinszenierung.
Der Teufel tobt, schreit, setzt mit seinem Schweif die Bühne in Brand.
Der Schauspieler und der Regisseur brauchen nicht viele Worte.
Es wäre vergeblich gewesen, gegen die allgemeine Lustlosigkeit des Lebens anzukämpfen, die nur an wenigen Stellen wich.
Äußerlich, an Dekorationen, Requisiten, Auftritten und Wortlaut, hat kaum etwas gefehlt – eine fast perfekte Inszenierung.
Das Buch des Lebens schlägt ein neues Kapitel auf, auch wenn die Rollen neu verteilt werden.
Welche Rollen, welches Muster, welche Veränderungen!
Du, Schauspieler, wirst dich nicht mehr ändern – nur der Spielzyklus wird anders verlaufen.
Freude, Schmerz, Leid und Pein in einem Stück.
Den Teufel freut es – er sitzt in der ersten Reihe.
Er wartet – nur worauf?
Doch das ist alles Wahnsinn, denkt der Schauspieler.
Das würde niemals sein.
Ein bitteres, höhnisches Lachen ringt sich aus ihm.
Wieder ein neues Spiel, ein verlängertes Ultimatum.
Lieber tausendmal zugrunde gehen im Elend, an der Straße, als sich selbst zu verlieren.
Kampfkraft und Erschöpfung
Zum Kämpfen braucht man Kraft – Kraft, die ihm niemand mehr zugesteht, nicht einmal der Teufel.
Wie dieser da sitzt, sich an der Not weidet, mit dem Publikum spielt, während der Schauspieler die letzte Rolle seines Lebens spielt – getragen vom Applaus oder nur vom Blutzoll wie in einer Stierkampfarena.
Das Publikum schreit und tobt:
„Mach Schluss, du bist ein schlechter Schauspieler!”
Der Teufel feuert es an, als nomen agentis der Zerstörung.
Doch der Schauspieler verzagt nicht, er wird nicht aufgeben.
Ist es nicht von alters her Künstlerlos, sich nie genug tun zu können – dieses stete Unbefriedigtsein, dieser klaffende Zwiespalt zwischen Wollen und Vollbringen?
Will er nicht überhaupt zu viel?
Wie hätte er sich bescheiden können in dieser Rolle – es ist seine Rolle.
Was in ihm ist, drängt zum Ausbruch: ergreife den Tag – ergreife die Nacht.
Wild, stürmisch, schrankenlos.
Er hat keine Zeit zu warten.
Etwas haftet an seinen Fersen, das ihn stachelt und peitscht.
Der Teufel rutscht auf seinem Stuhl, spürt, dass er das Spiel wieder verlieren könnte – aber er wird nicht aufgeben.
Die Wege der Zerstörung sind vielfältig.
Das Spiel des Todes
Trotz des Dilemmas bleibt der Teufel gebannt sitzen, beobachtet, wie der Schauspieler seine letzte Rolle meistert.
Den Schlussakkord hebt er sich auf.
Es ist ein ungleiches Spiel – das Spiel des Todes.
Lauerstellung, Feigheit, Angriff, Sieg.
Vielleicht, denkt der Schauspieler, wäre es am besten, die Utensilien zu zerbrechen und in den Traum der wahren Kunst einzutauchen – der Lebenskunst.
Doch er fühlt, dass das nicht reichen würde.
Ein universeller Drang ist in ihm.
Er will alles erfassen und zugleich überwältigen.
Wenn er nicht arbeitet, schießen Blitze durch seinen Kopf, durchbohren sein Inneres.
Er sucht den Abgrund, die innere Macht, das Zerstörerische, das endlose Rasten.
Der schwarze Vorhang über seinem Bild weicht zurück.
Zaghafte Sonnenstrahlen brechen durch die Spalten, schmerzen, verbrennen die Schwärze.
Doch der Teufel springt auf, reißt den Vorhang zu, sperrt das Licht aus.
Die Schwärze kehrt zurück.
Der Schauspieler ist von Dämmerung umhüllt, sein Publikum unsichtbar.
Der Kampf beginnt, nur die feurigen Augen bleiben.
Zwischen Hoffnung und Zusammenbruch
Kein Applaus.
Warum?
„Ich war doch gut”, denkt er.
Ist jetzt der Zeitpunkt für den Schlussakkord?
Wie spät ist es?
Vierundzwanzig Stunden können lang sein.
Seine Rolle ist noch nicht zu Ende gespielt.
Er muss spielen, denkt er.
Doch er spürt, dass es ihm nicht genügen wird.
Er sucht seine Träume – sie sind entschwunden, nur schemenhaft noch vorhanden.
Ein universeller Drang treibt ihn, alles zugleich erfassen und überwältigen zu wollen.
Er muss noch einmal dort anfangen, wo er vor Wochen, Monaten begonnen hat: beim Spiel des Lebens.
Die Arbeit wächst ihm unter den Händen.
Wie kurz sind all die Tage.
Sie schwinden dahin, ohne dass er es merkt.
Er könnte den Tag verfluchen, an dem er begonnen hat, an dem er den Plan fasste.
Und doch ist wieder seine ganze Seele darin.
Er blickt zu diesem Werk auf wie zur Verkörperung dessen, was in ihm lebt und schwebt.
Es ist sein Werk.
Mit einem Gefühl aus Staunen und Anerkennung betrachtet er es manchmal.
So war immer seine Zeit: die Rolle zu spielen, versteckt hinter der Maske zweier Namen.
Keiner dieser Namen füllt ihn aus – eine Flucht in Extreme, ja Superlative.
Freiheit bedeutet die Abkehr von den Namen.
Etwas wie Andacht erfüllt ihn: Das kannst du. Das hat eine unbekannte Gottheit in dich gelegt.
Angst, Schmerz und Arztbesuch
Alle diese Stimmungen jagen sich im wirren Wechsel in seinem Inneren.
Am selben Tag ist er so oft von Stolz und Jubel erfüllt – ein Teil seines Bildes erscheint ihm überraschend gelungen –, und wieder so verzagt, so mutlos, so todtraurig, dass er sich am liebsten selbst zerstören würde.
Eine furchtbare Angst überfällt ihn, er könne eines Tages arbeitsunfähig sein, gezwungen, sein Bild unvollendet zu lassen.
Und dann diese Kopfschmerzen, die immer häufiger auftreten, immer glühender in sein Hirn bohren.
Manchmal vergehen ihm die Sinne; Tage und Nächte werden eins.
Eine panikartige Angst überkommt ihn, nicht mehr Herr seiner Lage zu sein.
Der Teufel spielt sein Spiel.
Noch wenige Minuten bis zum Schlussakkord.
Unterbricht er die Arbeit nur für Tage oder Wochen – wer bürgt ihm dafür, dass Kraft und Lust zurückkehren werden?
Wenn dieses Schaffensfieber einmal ausglüht – wer soll es neu entfachen?
Wie zurückfinden in die alte Stimmung?
In seiner Furcht geht der Schauspieler zu seinem Arzt, ohne je zu einem anderen Menschen von seinen Schmerzen gesprochen zu haben.
Ein unklarer Schmerz befiehlt ihn.
Schmerzen, kaum greifbar und doch real – es ist die blutende Seele.
Der Teufel riecht das Blut wie ein Hai seine Beute.
Es beginnt das Spiel von Tod und Zerstörung.
Natürlich hat sich der Schauspieler überarbeitet und sollte sich schonen.
Allein: die Zeit fehlt.
Der Körper spielt sein eigenes Stück.
Der Doktor gibt gute Ratschläge, doch sie erreichen ihn nicht.
Sie verpuffen im Wirbel des Spiels.
Die Bühne heilt alle Wunden – vorübergehend, bis der Vorhang fällt.
Der Teufel hat Zeit.
Er will diesen Schauspieler, die ausgezehrte Seele.
Er möchte siegen.
Betäubung und Besessenheit
Die Stunden rasen dahin, nichts scheint erreicht.
In einer Apotheke erhält er Betäubungsmittel, die „sicher helfen” werden.
Er weiß, dass sie nur für kurze Augenblicke wirken.
Aber es ist besser als nichts.
Vor allem muss dieses Bild fertig werden – sein Bild über sich und die Welt.
Danach, so redet er sich ein, wird er rasten, an seine Gesundheit denken, sich schonen.
Jetzt aber würde er jedes Gift nehmen, um auf der Bühne bleiben zu können.
Die Seele ist krank, die Heilung aussichtslos.
Der Teufel schaut auf die Uhr.
Die Zeit ist nicht mehr aufzuhalten.
Der Schauspieler probt für den letzten Akt.
Er muss gut werden, alles übertreffen – eine Explosion der Gefühle – und dann: Ruhe.
Manchmal geht er noch ins Freie, kurz vor dem Zusammenbruch.
Seine unheilvolle Begleitung ist stets hinter ihm, der Atem heiß und schweflig, ein Geruch wie Erde.
Er will noch etwas erleben, noch einmal sehen und hören.
Das Essen hat er längst reduziert, fast aufgegeben – Essen zerstört Energie.
Energie, die er für den Schlussakkord braucht.
Dem eigenen Bild gegenüber zu sitzen, macht ihn toll.
Es kommt ihm ohnehin vor, als verspottet es ihn.
Der Teufel im Nacken
Immer wenn er die Bühne verlässt, glaubt er, der Teufel sei hinter ihm.
Selbst in den Gedanken ist er anwesend.
Wie banal erscheint es, sich keinerlei trüber Gedanken hinzugeben.
Sitzt der Teufel dir nicht ständig im Nacken, rät er dir nicht, loszulassen, zu gehen – hinaus aus der Welt der Verlogenheit, der Tristesse, der falschen Werte?
Ist es das einzige Ziel, über Friedhöfe zu wandern, ohne etwas erreicht zu haben?
„Wenn ich doch nur meine Kraft wiederfinden könnte”, denkt der Schauspieler.
Er kennt sein Ich.
Er kann es kurz aufleben lassen – für einen Preis, den niemand zahlen möchte.
Berühmt!
Was bedeutet Ruhm?
Einst hat er ihn angestrebt, gewollt, erhofft.
Und nun?
Was bleibt mehr als ein kleiner Hügel, der die eigene Asche aufnimmt?
Der eigentliche Wunsch ist das Weiterleben.
Der Preis ist zu hoch, die Erkenntnis meist zu spät.
Und wieder sitzt der Teufel dabei und wartet auf den totalen Zusammenbruch.
Doch diesmal hat der Teufel verloren.
Wütend, fluchend zieht er von dannen – ohne Schlussakkord.
Doch er wird nicht aufgeben.
Er wird wiederkommen.
Der Mensch ist zu klein für den Teufel.
Aufgabe, Ausgrenzung, Verrat
„Musst du jetzt aufgeben, bist du jetzt ausgegrenzt – du warst einmal gut.”
Das Warum bleibt unbeantwortet.
Seine Freunde lassen ihn allein in diesem Leben.
Der, der es hätte verhindern können, ist nicht da, lässt sich verleugnen, ist einfach weg.
Aus dem Drama ausgestiegen – aus Angst.
Der Regisseur stellt Fragen, aber sie sind nicht zu hören.
Tabletten werden gereicht, ohne Fragen.
Der Blick wird starr, alles doppelt.
Ist das die Hölle?
Hat der Teufel es doch geschafft?
Ist das der Lohn für Inkonsequenz?
Das Ultimatum ist abgelaufen.
War das Versprechen leichtfertig gegeben?
Hätte man es verlängern müssen?
Ist dies die neue Rolle des Regisseurs – nur für ihn geschrieben – die vollkommene Aufgabe seines Selbst bis zur endgültigen Zerstörung?
Aus der Ferne hört er ein schepperndes Lachen.
Schlurfend kommt ihm eine Frau entgegen – ist das die neue Komparsin?
Die fremde Frau und die stillen Sterne
Die Frau lädt ihn in ihr Büro ein.
Gott sei Dank, denkt er, endlich eine, die mit ihm die neue Rolle bespricht.
Kaltes Ambiente – alles soll wohl so echt wie möglich wirken.
Er hört kaum noch zu.
Er beginnt zu gleiten und zu träumen.
Es gibt Menschen, die gleiten wie stille, blasse Sterne durch das Leben.
Andere leuchten wie warme, helle Sonnen.
Wieder andere schießen wie glänzende Meteore strahlend durch die dunkle Nacht.
Und es gibt solche, die sind so weltenfremd und erdenfern, dass sie wie an einem goldenen Sonnenfaden zwischen Erde und Himmel schweben.
Sie berühren den Boden mit den Füßen, doch die Dornen des Lebens verwunden sie.
Trotzdem gleiten sie darüber hinweg, weil der goldene Strahl sie hoch über die Bitternis hebt.
Solche Menschen nennt man Narren oder Freigeister.
Oft aber sind sie mehr Narren als geistige Geschöpfe – und dann geht es ihnen schlecht.
Die angeblich Vernünftigen zucken die Schultern, nennen sie „arme Teufel”, Tölpel, Einfaltspinsel, Habenichtse – und kränken sie mit Mitleid, Spott und angeblicher Überlegenheit.
Freilich liegt die verletzte Seele jetzt noch im Dämmerzustand – eingeschlossen durch Medikamente und Verwirrtheit.
Aber sie wird zu ihrer Zeit erwachen.
Erinnerung, Einsamkeit, Bühne
Welchen Tag haben wir heute?
Er weiß es nicht.
Alles ist weg, eintönig.
Menschen kommen und gehen.
Freunde sind da und begleiten ihn – doch auf welchem Weg?
Sein Ziel ist die Bühne.
Wird er sie wiederfinden?
Er muss sich beeilen, seine Zeit währt nicht mehr lang.
Die Aufgaben sind zu viele.
Er merkt, wie einige Menschen wegbleiben, wie sie schmelzen wie Schnee in der Sonne, ungreifbar werden.
Er streckt noch einmal die Hand aus – aber sie können sie nicht mehr greifen.
Sie werden durchsichtig, Nebel breitet sich aus.
Menschen beginnen, auf Abstand zu gehen, zeigen Unverständnis, ja sogar Angst – Angst vor einem Nichtverstehen.
Freunde könnten ihn verstehen, Gesten und Worte deuten.
Andere nehmen sich diese Zeit nicht, bleiben oberflächlich, negieren die Zeichen.
Man will sich nicht belasten.
Erfolg macht einsam.
Erfolg ist nicht greifbar, er verbindet nicht.
Freunde interessieren sich nicht für Erfolg, sondern allein für den Menschen.
Auch der Spielpartner, der den Weg des geringsten Widerstandes gewählt hat, wirkt plötzlich fremd.
Gesichter entschwinden.
Man hat sich alles und doch nichts gegeben.
Die Kunst wird zur Mystik, ungreifbar.
Was bleibt, sind Erinnerungen – nichts weiter.
Und doch tauchen plötzlich Bilder längst vergangener Zeiten auf.
Eine Welt der Kunst, des Ruhmes.
Erinnerungen, die dazu führen, noch einmal die Bühne zu betreten.
Der Vorhang der Zeit
Die Bretter beben unter fremdem Tritt, wir spielen Rollen, die wir nicht gewählt. Ein jeder bringt sein eignes Schicksal mit, von grellem Licht und Schatten tief gequält.
Die Hose fällt – das Lachen gellt im Saal, die Blöße brennt, der Teufel grinst bereit. Doch aus der Scham erwächst die stolze Wahl: Ich bin, der ich bin, in Ewigkeit.
Der Regisseur, das Leben, schweigt und lenkt, der Stein im Innern bleibt ein schweres Gut. Wer ist es, der uns jenen Beifall schenkt, wenn tief im Kern die Seele verlässt den Mut.
Kein Schlussakkord durch fremde Hand bestimmt, auch wenn die Schwärze nach den Sinnen greift. Solange noch ein Docht im Dunkeln glimmt, ist jene Frucht der Lebenskunst gereift.
©Thomas de Vachroi


