Die Grüne Woche – zwischen Wurst und Werbung, zwischen Rabatt und Sonderpreis
Hundert Jahre Grüne Woche – ein stolzes Jubiläum, oder doch nur ein Jahrmarkt?
Ein Jahrhundert voller Düfte von Brot und Wurst, Blumen und Kräutern, Bilder von vollen Tellern und vollen Tüten. Man zeigt, was die Felder hergeben, was die Ställe hergeben, was die Industrie hergibt. Man feiert die Fülle. Doch mitten in dieser Fülle stellt sich eine leise, unbequeme Frage: Wer wird davon satt – und wer bleibt draußen?
„Wer nur Kosten rechnet, vergisst, was es die Erde gekostet hat.“
Denn satt wird nicht nur der Leib. Der Magen mag sich mit Rabattaktionen beruhigen lassen, die Seele nicht. Der Leib fragt: Was kostet das? Die Seele fragt: Was hat es gekostet – an Boden, an Wasser, an Tieren, an Menschen. Der Leib kennt Kalorien, die Seele kennt Gewissen. Und so zieht sich zwischen den großen Hallen ein unsichtbarer Riss: hier der Glanz des Überflusses, dort das Wissen um leere Teller, auch in dieser Stadt.
Darum braucht es neben der Grünen Woche für den Leib eine Grüne Woche für die Seele. Orte, an denen nicht verkauft, sondern gehört wird. Momente, in denen nicht probiert, sondern geprüft wird: unser Umgang mit der Schöpfung, mit den Tieren, mit den Menschen, die unsere Lebensmittel anbauen und verarbeiten. Wo wir nicht fragen: „Schmeckt mir das?“, sondern: „Tut das der Welt gut?“ Eine Messe für den Bauch allein ist zu wenig in einer Zeit, in der die Erde schwer atmet.
Gottesdienste und Weihungen mitten in diesem Treiben sind keine Folklore, sie sind Widerrede. Sie stellen eine Kerze neben das Flutlicht der Reklame, ein Gebet neben den Werbeslogan. Sie erinnern daran, dass die Erde nicht dem Konsummarkt gehört, sondern allen Lebewesen – und letztlich keinem einzelnen Menschen. Wer dort steht, ein schlichtes Brot segnet, Wasser dankbar in die Höhe hält, der sagt: Es ist nicht selbstverständlich, dass wir haben. Es ist Gnade, und Gnade verpflichtet.
„Der Markt zeigt Waren, der Segen zeigt Würde.“
Im Klang der Gesänge, im stillen Gebet, in der gemeinsamen Bitte um Segen kommt etwas ins Lot, was sonst verrutscht: Mensch und Natur, Arbeit und Ertrag, Technik und Verantwortung. Die Seele darf sagen, was sie drückt: die Angst vor der Zukunft, die Scham über die exorbitante Verschwendung, den Zorn über Ungerechtigkeit. Und sie darf hören, was ihr sonst fehlt: Du bist nicht allein in deinem Fragen. Ihr seid nicht allein in eurem Tun.
Hundert Jahre Grüne Woche – das ist auch hundert Jahre Geschichte von Hunger und Sattwerden, von Ausbeutung und Aufbruch, von Krieg, Mangel, Wachstum und Grenzen. Wer das Jubiläum ernst nimmt, darf es nicht nur mit Sekt feiern, sondern mit der Frage: Was schulden wir der Erde, den kommenden Generationen, den Menschen, die heute schon nicht wissen, was morgen auf den Tisch kommt?
„Die Grüne Woche der Seele ist der Ort, an dem solche Fragen nicht stören, sondern willkommen sind.“
Vielleicht beginnt sie ganz unscheinbar: im stillen Dank vor dem Essen, in der Entscheidung gegen die Wegwerfmentalität, im bewussten Griff zu dem, was wirklich fair und verantwortbar ist. Vielleicht beginnt sie in einer Messehalle, in der nicht nur Produkte präsentiert, sondern Hände gefaltet werden.
Eine Grüne Woche, die Leib und Seele ernst nimmt, wird bescheidener im Auftreten, aber mutiger im Handeln. Sie sucht nicht das nächste Geschmackserlebnis, sondern die nächste gerechte Tat.
Am Ende wird man diese hundert Jahre nicht daran messen, wie groß die Stände waren oder wie lang die Schlangen. Man wird fragen: Ist in dieser Zeit auch unser Herz gewachsen – für die Armen, für die Tiere, für die Erde?
„Die Erde ist kein Lagerbestand, sondern ein anvertrautes Leben.“
Eine Grüne Woche, die der Seele keinen Raum lässt, bleibt bunt und doch blass. Eine Grüne Woche, die sich segnen lässt, kann zu einem Anfang werden: für einen Umgang mit der Schöpfung, der mehr kennt als Gewinn – nämlich Würde.
Am Ende zeigt sich: Eine Grüne Woche, die nur den Bauch feiert, bleibt unvollständig. Sie braucht den Raum, in dem auch die Seele zu Wort kommt – mit ihren Fragen nach Gerechtigkeit, Maß und Verantwortung. Wo Gottesdienste und Weihungen mitten im Marktrummel stattfinden, wird Fülle nicht nur präsentiert, sondern geteilt und gedeutet. Dort verwandelt sich die Messe vom Schaufenster des Überflusses in einen Ort der Erinnerung:
Die Erde ist Geschenk, nicht Ware; Segen ist Auftrag, nicht Dekoration. Eine Grüne Woche, die sich diesem Maßstab stellt, lädt ein, dass mit jedem Bissen auch ein Stück Würde wächst – für Mensch, Tier und Schöpfung.
„Gnade ist kein Rabatt – sie verpflichtet.“
Thomas de Vachroi


