Luft zum Atmen
Es geht ein Raunen durch unsere Straßen.Es ist kein lauter Aufschrei, eher ein müdes, brüchiges Flüstern.
In den Ministerien aber kommt davon oft nur ein fernes Echo an,gefiltert durch Vorlagen, Zahlenkolonnen und Sparzwänge.
Fast täglich erreicht uns eine neue Botschaft, schwer wie Blei:
hier eine Steuererhöhung, dort eine neue Abgabe, daneben ein Zuschlag.
Auf dem Papier heißt das „fiskalische Notwendigkeit“ – im Alltag bedeutet es: Die Rechnungen stapeln sich, die Luft wird dünner, der Spielraum kleiner. In Beratungsstellen sitzen keine abstrakten Fälle, sondern Menschen, deren Stimmen leiser werden, weil die Angst längst in den Alltag eingezogen ist.
„Verunsicherung frisst zuerst das Vertrauen, dann den Zusammenhalt.“
Wenn wir vom „Binnenmarkt“ sprechen, reden wir gern in Kurven, Indizes, Prognosen.
Doch der Binnenmarkt, das ist die Rentnerin mit ihrem bescheiden gefüllten Einkaufskorb, das Kind, dessen Schuhe eigentlich schon längst zu klein sind, der Friseurbesuch, der immer wieder verschoben wird, der Abend im Theater, der nur noch eine Erinnerung ist.
Wenn die Preise für Lebensmittel, Energie und Miete nur noch eine Richtung kennen – steil nach oben –, wird das Leben für viele zu einem permanenten Krisenmodus, in dem am Ende des Monats nicht mehr geplant, sondern nur noch verwaltet wird.
Wir nehmen den Menschen die “Luft zum Atmen”, wenn wir ihnen einreden, jede Krise lasse sich durch einen tieferen Griff in ihre Taschen lösen. „Entlastung“ darf kein Wort für Sonntagsreden bleiben, es ist eine Frage der Haltung:
Sie ist moralische Pflicht eines Staates, der seine Bürgerinnen und Bürger als Menschen begreift – nicht als Verschlusssache im Haushalt, nicht als bloße Einnahmeposition.
Verunsicherung ist der größte Feind wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bewegung.
Wer Angst vor dem Morgen hat, spart heute am Nötigsten: an Wärme, am Essen, an Begegnung.
Doch schwerer als die finanziellen Einschnitte wiegt der Verlust an Vertrauen. Wenn Arbeit und das Leben immer stärker belastet wird und steigende Fixkosten das Erarbeitete und Ersparte sofort verschlingen, dann rühren wir an den Grundfesten unseres Zusammenlebens: an dem leisen Versprechen, dass Leistung und Anstrengung gesehen werden.
Es braucht den Mut zur Perspektivänderung. Mut zu sagen: Ein Moratorium für neue Steuern, damit Menschen wieder atmen, planen, hoffen können. Entlastung bedeutet Würde.
Sie bedeutet, dass am Ende des Monats nicht nur Mangel verwaltet wird,
sondern ein Rest von Freiheit bleibt – für ein Paar neue Schuhe, für einen Besuch im Kino, für einen Abend, der nicht vom Rechnen bestimmt ist. Man kann keinen Motor antreiben, indem man ihm den Treibstoff entzieht, und doch erwarten wir von Menschen, dass sie weiter funktionieren, während wir ihnen Schritt für Schritt die Kraft nehmen.
Es ist Zeit, innezuhalten. Zeit, sich daran zu erinnern, dass das Fundament unserer Gesellschaft nicht in Haushaltszahlen liegt, sondern in den Menschen, in den Familien, in denen, die sich längst abgewöhnt haben, um Hilfe zu bitten.
Denn eine Gesellschaft, die keine Luft mehr zum Atmen hat, verliert irgendwann auch die Kraft, füreinander einzustehen. Die Frage ist nicht, ob wir uns Entlastung leisten können.
Die Frage ist, ob wir uns leisten können, noch länger zuzusehen, wie Hoffnung leiser wird.
©Thomas de Vachroi


