Der kleine Reisbericht – Schloss und Weingut Rattey
Der kleine Reisebericht aus dem Ort Rattey
Wer glaubt, er habe schon alles gesehen zwischen Ostsee, Seenplatte und mecklenburgischer Weite, der war vermutlich noch nicht in Rattey. Unweit von Usedom, eingebettet in die sanften Brohmer Berge, liegt ein Ort, der wirkt, als hätte jemand die Realität einmal geschniegelt, gebügelt und anschließend beschlossen, sie exakt so stehen zu lassen.
Schon bei der Ankunft beschleicht einen ein leiser Verdacht: Ist das hier wirklich echt, oder hat jemand heimlich eine Postkarte in 3D nachgebaut?
Der Ort ist so auffallend sauber, dass man sich fast nicht traut, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aus Angst, die Ästhetik zu stören. Aber keine Sorge, Rattey hält das bestimmt aus. Es ist einfach nur schön. Fast schon verdächtig schön.
Das Herzstück bildet das klassizistische Herrenhaus von 1806, errichtet von Hans-Christoph von Oertzen. Die Geschichte reicht jedoch deutlich weiter zurück bis ins Jahr 1690, als Herzog Gustav Adolf von Mecklenburg-Güstrow das Gut vergab.
Später wurde das Anwesen zum stillen Zeugen deutscher Umbrüche. Es war einst Adelssitz, dann Zuflucht für Flüchtlinge, ebenso ein Kindergarten, dann Poststelle und eine LPG-Küche (früher Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft).
Was für eine Karriere, die vielseitiger kaum sein könnte. Heute ist daraus ein stilvolles Hotel geworden, das Geschichte nicht museal ausstellt, sondern angenehm mit- und weitererzählt.
Doch wer meint, Rattey sei nur ein hübsches Schloss mit Vergangenheit, unterschätzt die Gegenwart. Der Park ist weitläufig, ruhig und von einer Gelassenheit, die man sonst eher aus gut sortierten Klöstern kennt und mittendrin die Versöhnungskirche. Sie ist offen, sehr schlicht und wohltuend unaufgeregt.
Und dann steht da diese freistehende Glocke.
Natürlich musste ich sie betätigen. Rein aus historischem und kulturellem Interesse. Und vielleicht auch ein kleines bisschen, um zu prüfen, ob der Klang wirklich so schön ist, wie man es sich erhofft. Ist er. Voll, klar, fast feierlich, und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, ich hätte nicht nur den Park, sondern gleich den ganzen Landstrich zu einer stillen Andacht eingeladen.
Niemand hat sich beschwert. Entweder aus Höflichkeit oder weil man in Rattey gelernt hat, dass selbst spontane „Glockenkonzerte“ irgendwie mit dazugehören.
Nach so viel innerer Einkehr führt der Weg ganz natürlich zum Hofladen, der „Alten Kellerei“. Wer hier standhaft bleibt, hat entweder einen eisernen Willen oder schlicht noch nicht alles probiert. Unvorstellbar leckere Öle, zig Senfvariationen, selbst gemostete Säfte und natürlich die hauseigenen Weine.
Rattey ist immerhin das nördlichste Weinanbaugebiet Deutschlands. Wer hätte es gewusst?
Ein Titel, der neugierig macht und spätestens beim zweiten Glas überzeugt.
Auf der Terrasse dann die logische Konsequenz. Ein Kännchen Kaffee, hausgebackener Kuchen und dazu vielleicht noch ein Glas Wein. Man sitzt, schaut, atmet die Luft unter riesigen Lindenbäumen und merkt plötzlich, wie sich der eigene Zeitbegriff langsam anpasst.
Dringende im Kopf herumspukende Termine wirken plötzlich wie ein fernes Gerücht.
Wer es genauer wissen möchte, kann auch alles nachlesen. Das gesamte Hof- und Schlossensemble gehört zur heutigen Inselmühle Usedom GmbH. Das über 20 Hektar große Areal wurde 2019 für rund 1,25 Millionen Euro ersteigert und seither mit erheblichem Aufwand weiterentwickelt. Betrieben wird das Ganze durch die Domäne Ostsee GmbH. Es ist ein schlichter Name, der erstaunlich sachlich klingt für einen historischen Ort, der so viel Atmosphäre in sich trägt. (Information aus der eigenen Schlossgeschichte)
Am Ende bleibt für mich eine einfache Erkenntnis.
Der Ort Rattey ist kein Geheimtipp mehr. Aber es ist einer dieser Orte, an denen man trotzdem das Gefühl hat, etwas Großartiges entdeckt zu haben.
Und falls ihr dort eine Glocke hört, keine Sorge. Wahrscheinlich war ich das.
Euer Thomas de Vachroi
Schloss Rattey
Mecklenburger Seenplatte
Mecklenburg-Vorpommern


