Berliner Sommerwahnsinn

Berliner Sommerwahnsinn: Spree, Bier und halbnackte Poeten – Ein sarkastischer Sturzflug in die Hauptstadt-Hysterie mit Touris-Special
Die Sonne klebt wie ein überhitzter Smiley-Aufkleber über der Spree, färbt das Wasser in ein Gold, das so aussieht, als hätte jemand Glitzer in eine Pfütze geschüttet – und doch bleibt es typisch Berlin: irgendwie dreckig, aber mit Charme. Das Boot, ein schwimmender Schrotthaufen, der wahrscheinlich schon zu DDR-Zeiten Touristen herumkutschierte, ächzt, als es vom Ufer ablegt.
An Bord ein menschliches Mosaik, das wirkt, als hätte jemand einen Kreuzberger Club, einen Easyjet-Flieger und einen Flohmarkt in einen Mixer geworfen.
Da sind die Berliner, die behaupten, sie seien „schon immer hier gewesen“ (also mindestens seit 2015), Expats mit einem Gesichtsausdruck, als hätten sie gerade Nietzsche gelesen, und dann die Touristen – oh, die Touris! Mit ihren neonfarbenen Bauchtaschen, Selfie-Sticks, die wie Lichtschwerter durch die Luft wedeln, und einem Enthusiasmus, der selbst die mürrischsten U-Bahn-Fahrer in den Wahnsinn treibt.
In jeder Hand ein Bier, natürlich lauwarm, weil der Späti am Ufer mal wieder den Kühlschrank für vegane Mate-Flaschen reserviert hat. „Nachhaltigkeit!“ schnaubt ein Berliner mit einem T-Shirt, das so aussieht, als hätte es die Wiedervereinigung miterlebt, und prostet der Absurdität des Lebens zu.
Die Bluetooth-Box, ein Relikt aus einer Zeit, als man noch „Boombox“ sagte, spuckt einen Soundtrack aus, der zwischen Techno, der nach einem 48-Stunden-Rave klingt, und Deutschrap, der nach einem Poetry-Slam auf Energy-Drinks klingt, hin- und herwankt. Eine Gruppe britischer Touris, rot wie frisch gekochte Hummer, grölt „99 Luftballons“ mit einer Inbrunst, die nur durch drei Liter Sternburg erklärbar ist. „This is SO German!“ kreischt eine mit einem Strohhut, der aussieht, als hätte sie ihn aus einem TikTok-Trend geklaut. Sie filmt alles für ihre Story, inklusive des Typen, der gerade versucht, sein Bier mit einem Feuerzeug zu öffnen und dabei fast die Reling abfackelt.
„Das hier ist wie Ibiza, nur mit mehr Ironie, mehr Piercings und definitiv weniger Zahnbürsten“, grinst Tom, ein Berliner mit einem Bart, der so aussieht, als hätte er eine eigene Postleitzahl. Neben ihm springt eine halbnackte Frau mit einem Blumenkranz, der verdächtig nach einem DIY-Projekt aus einer Urban-Gardening-Gruppe aussieht, von der Reling – nicht ins Wasser, das wäre ja fast vernünftig, sondern auf das Nachbarboot.
Dort verschwindet sie kichernd in einer Gruppe von Leuten, die sie offensichtlich noch nie gesehen hat. Die Touris schnappen nach Luft, zücken ihre Smartphones und posten das Spektakel mit Hashtags wie #BerlinVibes und #SoCrazy. Ein älterer Berliner mit einer Schiebermütze, die aussieht, als hätte er sie von Brecht geerbt, zuckt die Schultern: „In Berlin springst du nicht in die Spree, sondern in den nächsten Shitstorm. Willkommen in der Hauptstadt.“
Die Touris, oh Gott, die Touris. Da ist der Amerikaner, der lautstark fragt, wo denn „der Mauer“ sei, während er auf die Oberbaumbrücke zeigt, und die italienische Familie, die versucht, eine Pizza mit Berliner Currywurst zu kombinieren (Spoiler: Es funktioniert nicht). Eine Gruppe Skandinavier, alle in minimalistischen Outfits, die so teuer aussehen, als hätten sie dafür ein Haus in Oslo verkauft, fotografiert jeden Bierdeckel, als wäre es ein Kunstwerk von Banksy. „Is this, like, the real Berlin?“ fragt eine Schwedin mit einem Akzent, der nach einem Sprachkurs bei Duolingo klingt.
Der Berliner neben ihr, ein Typ mit einer Sonnenbrille, die er auch nachts trägt, murmelt: „Klar, wenn du ‚real‘ mit ‚lauwarmem Bier und zu vielen Influencern‘ gleichsetzt.“
Im Biergarten am Plänterwald geht der Irrsinn in die nächste Runde. Die Luft ist dick von Grillrauch, schmelzendem Softeis und dem kollektiven Seufzen derer, die gerade merken, dass sie ihren Sonnenschutz vergessen haben. Punks mit Frisuren, die wie moderne Skulpturen wirken, sitzen neben Bankern, die ihre Krawatten gelockert haben, als wollten sie sagen: „Ich bin auch wild!“ Alle kämpfen um den nächsten Kasten Bier, während der Kellner, ein Typ mit einem Dutt und einem T-Shirt, das „Fuck Fast Fashion“ verkündet, mit der Gelassenheit eines Yoga-Gurus Krüge balanciert. Plötzlich bricht eine Wasserschlacht los, ausgelöst von einem hippen Dad, der seine Wasserpistole wie eine Waffe aus einem Tarantino-Film schwingt.
Die Touris sind begeistert. „This is AMAZING!“ schreit ein Australier, während er sich mit einem Eimer Wasser übergießt und dabei seine GoPro zerstört. Selbst der Banker, dessen Anzug mehr kostet als die Miete eines Kreuzberger WG-Zimmers, ist mittendrin, wirft Wasserbomben und ruft: „Das ist besser als jede After-Work-Party!“ Die Berliner schauen zu, halb amüsiert, halb genervt, weil sie wissen: Morgen wird der Typ wieder in seinem Loft in Mitte sitzen und über Aktien reden.
Eine Gruppe spanischer Touris am Nebentisch diskutiert die Berliner Trinkkultur mit der Leidenschaft von Philosophen auf Sangria. „In Berlin, you don’t drink to party – you drink to survive the party!“ verkündet einer, während er versucht, ein Weizenbier mit einem Strohhalm zu trinken. Die anderen nicken, als hätten sie gerade die Relativitätstheorie entschlüsselt.
Neben ihnen steht ein selbsternannter Poet, ein Typ mit einem Notizbuch, das aussieht, als hätte er es aus einem Second-Hand-Laden in Mitte, und deklamiert seine Verse über „die Spree als Spiegel der zerbrochenen Seele“. Die Touris klatschen begeistert, weil sie denken, das sei Teil einer „authentischen Berliner Kunst-Performance“. Der Hund am Tisch daneben gähnt, als wolle er sagen: „Kumpel, du bist nicht Rilke.“
Als die Sonne untergeht, wird die Spree zu einem kitschigen Lichtermeer aus Booten, selbstgezimmerten Flößen, die aus Paletten und guten Vorsätzen gebaut wurden, und ein paar waghalsigen Badenden, die entweder betrunken oder einfach Berliner sind. Ein Typ mit einer Gitarre spielt „Wonderwall“, weil – warum auch nicht? – und die Touris singen mit, obwohl sie den Text nur aus Pub-Karaoke kennen.
Auf einem Tisch startet eine Performance-Künstlerin ihre Show: Sie trägt einen Umhang aus alten Lidl-Tüten und schreit etwas über „den Kapitalismus als Käfig der Menschheit“. Die Touris filmen alles, posten es mit #BerlinArt und denken, sie hätten den nächsten Documenta-Star entdeckt.
Die Berliner zucken die Schultern und bestellen noch ein Bier.
Es riecht nach Sonnencreme, Hopfen und dieser bittersüßen Verzweiflung, die sich einschleicht, wenn man merkt, dass morgen Montag ist. Aber in Berlin? Egal. Der Berliner Sommer ist kein Wetter, er ist ein kollektiver Nervenzusammenbruch, ein Rausch aus lauwarmem Bier, falschen Hoffnungen und Touris, die denken, sie hätten die Stadt verstanden, weil sie einmal im Berghain abgewiesen wurden.
„Legendär“ ist hier kein Wort, sondern eine Religion. Und wenn das Bier alle ist oder die Polizei mit Blaulicht anrückt, wird einfach weitergefeiert – wahrscheinlich mit einem „Flat White“ in der Hand. Berlin, du glorioses Chaos.
@TdV



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