Wenn der Alltag zu teuer wird
Die Deutschen halten ihr Portemonnaie fest in der Hand. Das ist keine Handlung aus einer Laune heraus und auch kein modischer Trend und ebenso auch kein Ausdruck von „Kaufunlust“, sondern ein stiller Hilferuf aus der Mitte unserer Gesellschaft.
Wer heute an der Supermarktkasse oder in der Apotheke steht oder in seine Nebenkostenabrechnung blickt, sowie den Kontostand prüft, merkt es ganz deutlich: Unser Alltag ist teuer geworden – zu teuer für viele.
Jahrelang haben wir uns an eine scheinbar verlässliche Normalität gewöhnt, an moderate Preissteigerungen, einigermaßen stabile Löhne, ein Gefühl von Berechenbarkeit. Diese Normalität ist zerbrochen. Die hohe Inflation der vergangenen Jahre hat leise, aber nachhaltig an der Kaufkraft und an dem Lebenssinn genagt. Besonders Mieten, Energie und Lebensmittel, also das, worauf niemand verzichten kann, sind im Preis explodiert.
Wer mehr für Strom, Heizung und Grundnahrungsmittel bezahlt, hat zwangsläufig weniger übrig für Kleidung, Kultur, einen Ausflug mit den Kindern oder den seltenen Restaurantbesuch, geschweige denn Urlaub.
Dazu kommt eine Krisenkette, die kaum noch jemand überblickt.
Pandemie, Krieg in der Ukraine, Energiekrise, eine stark schwächelnde Wirtschaft. Was in den täglichen, ja fast stündlichen Nachrichten wie eine Abfolge von Schlagzeilen wirkt, schlägt sich im Alltag in einem Gefühl nieder, das viele seit Jahrzehnten nicht kannten, nämlich Unsicherheit und Angst vor dem Morgen.
Konsum braucht Vertrauen in die Zukunft. Wer aber nicht weiß, was die nächste Abrechnung bringt oder ob der Arbeitsplatz in einem Jahr noch existiert, schiebt größere Anschaffungen auf, oder streicht sie ganz. Das Leben wird auf Sparflamme gesetzt.
Auffällig jedoch ist, selbst dort, wo Einkommen noch nominell steigen, wächst zugleich die Sparneigung. Das klingt zunächst nach einer Tugend, ist aber oft Ausdruck von Angst. Man legt etwas zurück, nicht weil man sich auf etwas freut, sondern weil man sich vor etwas fürchtet.
Das Sparkonto oder Tagesgeldkonto wird zum Schutzschild gegen die nächste schwere Krise. Der private Konsum wird zur Gewissensfrage.
Darf ich mir das noch leisten?
Kann ich mir das überhaupt noch leisten, wenn ich nicht weiß, was als nächstes Unheil kommt?
Diese Zurückhaltung trifft auf eine Entwicklung, die in sogenannten Statistiken nüchtern erscheint, im Leben der Bürgerinnen und Bürger aber existenziell ist. Die Verschärfung der Armut ist keine Fata Morgana, sondern mittlerweile bittere Realität in einem der reichsten Länder Europas. Nach aktuellen Erhebungen lag die Armutsgefährdungsquote 2026 bei 16,1 Prozent. (statistisches Bundesamt) Das sind 13,3 Millionen Menschen die von Einkommensarmut betroffen sind. Besonders sichtbar und zugleich besonders beschämend ist die Kinderarmut. Etwa 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren – rund 15,2 Prozent – gelten als armutsgefährdet, also etwa jedes siebte Kind in Deutschland. Das sind nicht nur Zahlen, das sind verpasste Klassenfahrten, zu kleine Winterjacken, versteckte Scham bei der Frage, ob man am Vereinsleben teilnehmen kann oder nicht.
Auch am anderen Ende der Lebensspanne verdichten sich die Probleme.
Die Armutsgefährdungsquote der über 65-Jährigen liegt mit 19,6 Prozent deutlich über dem Durchschnitt, bei älteren Frauen sogar noch höher. Hinter diesen Prozentsätzen stehen Biografien, in denen jahrzehntelange Arbeit, Kindererziehung, Pflege von Angehörigen und schlecht bezahlte oder unbezahlte Sorgearbeit zusammentreffen und am Ende doch nicht für eine armutsfeste Rente reichen. Es sind Lebensleistungen, die gesellschaftlich gebraucht wurden, aber wirtschaftlich kaum anerkannt werden.
Sinkende Konsumausgaben sind deshalb weit mehr als ein Thema für Wirtschaftsseiten oder Konjunkturbarometer. Sie sind ein sozialer Seismograf. Wenn Menschen zuerst bei dem kürzen, was das Leben heller macht – bei Kultur, Begegnungen, kleinen Freuden – dann zeigt sich daran, wie eng die Verhältnisse geworden sind. Was in Sonntagsreden als „Verzicht“ gepriesen wird, ist für viele kein freier Entschluss, sondern eine erzwungene Anpassung: Man spart nicht aus Überzeugung, sondern aus Not.
Eine Gesellschaft, in der selbst Selbstverständlichkeiten wieder zu Luxusgütern (Kinobesuche, Theater oder Opernaufführungen, ja sogar Ausflüge) werden, verändert ihren Charakter. Sie verliert nicht nur Kaufkraft, sondern auch Vertrauen. Wer sich das Leben nicht mehr leisten kann, der zieht sich aus dem öffentlichen Raum zurück. Soziale Beziehungen kollabieren, da eine Teilhabe kaum noch möglich ist. Armut ist nie nur ein Mangel an Geld, sie ist ein Mangel an Möglichkeiten, an Zeit, an Stimme und an Sichtbarkeit.
Wenn Politik und Wirtschaft nun besorgt auf die Konsumzahlen blicken, sollte die Frage nicht lauten: Wie bringen wir die Menschen wieder zum Kaufen? Die eigentliche Frage ist: Wie stellen wir sicher, dass sie wieder sicher leben können? Es geht um Löhne, die mehr sind als ein Trostpflaster, es geht um Sozialleistungen, die nicht demütigen, es geht um Renten, die die Lebensleistung anerkennen und es geht um eine Infrastruktur, die nicht ganze Stadtviertel und Regionen abkoppelt.
Denn wo der Alltag zu teuer wird, geht es irgendwann nicht mehr um Konsum, sondern um Würde. Und ein Land, das zulässt, dass Kinder und alte Menschen an dieser Stelle stehenbleiben müssen, spart nicht nur an den Schwächsten. Es spart an seiner eigenen Zukunft.
©Thomas de Vachroi


